Katja Gloger und Putins Russland – was Österreich wissen sollte
Wenn in den Nachrichten von Russland, Putin oder dem Krieg gegen die Ukraine die Rede ist, fällt ein Name immer öfter: Katja Gloger. Die deutsche Journalistin und Buchautorin gilt seit Jahren als eine der bekanntesten Russland-Kennerinnen im deutschsprachigen Raum. Ihre Bücher wie „Putins Welt“, „Fremde Freunde“ und aktuell „Das Versagen“ werden auch in Österreich viel gelesen und diskutiert.
Aber wer ist diese Frau eigentlich? Und warum lohnt es sich gerade für Leserinnen und Leser in Österreich, genauer hinzuschauen, was sie über Russland, Putin und die deutsche – und damit indirekt auch europäische – Russlandpolitik schreibt?
Wer ist Katja Gloger?
Katja Gloger ist eine deutsche Journalistin, Publizistin und Slawistin. Sie hat in Hamburg und Moskau Russische Geschichte, Politik und Slawistik studiert und arbeitete viele Jahre für das deutsche Magazin Stern – zuerst als Korrespondentin in Moskau, später in den USA und dann wieder in der Hamburger Redaktion.
Dort berichtete sie über internationale Politik, Sicherheitspolitik und vor allem über Russland. Sie hat Persönlichkeiten wie Michail Gorbatschow, Boris Jelzin und Wladimir Putin interviewt und den Zusammenbruch der Sowjetunion direkt vor Ort miterlebt.
Für ihre Arbeit wurde sie mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Henri-Nannen-Preis für besonders verständliche Berichterstattung und als eine der „Journalistinnen des Jahres“ in Deutschland.
Warum redet jetzt alle Welt über Gloger?
Spätestens seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 ist das Interesse an Expertinnen wie Katja Gloger enorm gestiegen. Viele Menschen fragen sich:
- Wie konnte es so weit kommen?
- Hätte man den Krieg voraussehen können?
- Haben Politik und Wirtschaft in Europa bei Russland jahrelang weggeschaut?
Genau hier setzt ihr jüngstes Buch „Das Versagen – Eine investigative Geschichte der deutschen Russlandpolitik“ an, das sie gemeinsam mit dem Journalisten Georg Mascolo geschrieben hat. Der Untertitel ist Programm: Es geht um Jahrzehnte der Illusionen, Fehleinschätzungen und bewussten Blindheit gegenüber Putin und seinem Regime.
Auch in Österreich ist dieses Thema brisant. Energieabhängigkeit von russischem Gas, umstrittene politische Kontakte nach Moskau oder Debatten über Neutralität – all das macht die Fragen aus Glogers Büchern für das österreichische Publikum besonders aktuell.
„Das Versagen“ – was im Buch steckt
In „Das Versagen“ arbeiten Gloger und Mascolo mit geheimen Dokumenten, Gesprächen mit Zeitzeugen aus Politik, Diplomatie und Geheimdiensten und zeichnen nach, wie die deutsche Russlandpolitik über Jahrzehnte funktioniert (oder eben nicht funktioniert) hat.
Im Zentrum stehen unter anderem:
- Die Illusion vom „Wandel durch Handel“ – also die Hoffnung, dass intensiver Handel mit Russland automatisch zu mehr Demokratie führt.
- Die Rolle der Gasdeals – Stichwort Nord Stream, Abhängigkeit von russischer Energie und die Folgen für Europa.
- Warnungen der Geheimdienste, die jahrelang nicht ernst genug genommen wurden.
- Die persönlichen Beziehungen zwischen deutschen Spitzenpolitikern und dem Kreml.
Besonders eindrücklich: Viele Warnsignale waren längst da, lange vor 2022 – angefangen bei Tschetschenien über Georgien 2008, die Annexion der Krim 2014 bis zum Krieg im Donbass. Trotzdem hielt man in Berlin (und in vielen anderen europäischen Hauptstädten) an der Hoffnung fest, Putin werde schon ein „vernünftiger Partner“ bleiben.
Der Satz, der das Buch prägt, stammt von Wolfgang Schäuble: „Wir wollten es nicht sehen.“ Genau diese Haltung analysiert Gloger – und das lässt sich eins zu eins auch auf Debatten in Wien übertragen.
Warum das für Österreich wichtig ist
Man könnte sagen: „Na gut, deutsche Russlandpolitik – was geht uns das in Österreich an?“ Die ehrliche Antwort: sehr viel.
Europa ist eng vernetzt. Viele Entscheidungen in Berlin beeinflussen uns direkt oder indirekt – ob es um Sanktionen, Energiepolitik oder Sicherheitsfragen geht. Dazu kommt: Auch Österreich hatte und hat enge wirtschaftliche und politische Verbindungen nach Moskau. Energieunternehmen, Ex-Politiker in russischen Firmen, Diskussionen über Neutralität – diese Themen sind auch hierzulande Dauergäste in den Schlagzeilen.
Glogers Analysen helfen, Muster zu erkennen:
- Wo hat man sich von günstiger Energie und guten Geschäften blenden lassen?
- Wo hat man russische Propaganda unterschätzt?
- Wo hat man Menschenrechte und Sicherheitspolitik dem wirtschaftlichen Vorteil untergeordnet?
Genau diese Fragen muss sich auch Österreich stellen. Wer Gloger liest, bekommt dafür eine Art Landkarte in die Hand: Sie zeigt, wie wir alle – Wähler, Medien, Politik – in diese gefährliche Abhängigkeit hineingeraten sind.
„Putins Welt“ und „Fremde Freunde“ – wie wir Russland falsch verstehen
Schon vor „Das Versagen“ hat Katja Gloger zwei wichtige Bücher geschrieben, die auch heute noch lesenswert sind:
- „Putins Welt“ – ein Blick auf das System Putin, seine Machtbasis, seine Ziele und seine Methoden.
- „Fremde Freunde“ – ein umfangreiches Buch über die komplizierte Beziehung zwischen Deutschland und Russland, von der Geschichte bis in die Gegenwart.
In „Fremde Freunde“ zeigt sie, wie sehr sich Deutsche (und allgemein Westeuropäer) oft ein Russland zurechtträumen, das in Wirklichkeit gar nicht existiert: als „Seelenverwandten“, „Kulturbruder“ oder „Partner im Herz Europas“. Die harte Realität – autoritäre Herrschaft, Unterdrückung der Opposition, aggressive Außenpolitik – wird dabei gern verdrängt.
Als ich selbst das Buch gelesen habe, ist mir das sehr vertraut vorgekommen. Ich erinnere mich an Diskussionen in Wiener Beisln, in denen manche Freunde meinten: „Die Russen brauchen halt einen starken Mann, das ist ihre Kultur.“ Oder: „Die NATO ist auch nicht besser.“ Gloger zeigt, wie gefährlich solche Vereinfachungen sind.
Gloger als Zeitzeugin: Begegnungen mit Putin
Ein besonderes Gewicht haben Glogers Analysen, weil sie Putin persönlich mehrfach getroffen hat – nicht nur im offiziellen Setting, sondern auch in privaterer Atmosphäre. Sie berichtet von Treffen in seinem Zuhause, beim Sport oder Angeln, von Gesprächen, in denen er von Demokratie, Marktwirtschaft und Reformen sprach – vor allem in den frühen 2000er-Jahren.
Heute, mit dem Wissen um Krim, Donbass und dem Angriffskrieg gegen die Ukraine, liest sich das wie ein düsteres Vorspiel. Viele Versprechen, viele wohlklingende Worte – und dahinter ein Machtapparat, der Schritt für Schritt Opposition, Medien und Zivilgesellschaft ausschaltet.
Genau diese Ambivalenz versucht Gloger verständlich zu machen: Putin als jemand, der im Westen lange als „berechenbarer Partner“ gesehen wurde, während er im Inneren des Landes ein System aufbaute, das immer autoritärer wurde.
Engagement für Pressefreiheit: Reporter ohne Grenzen
Katja Gloger beschäftigt sich nicht nur mit Russland als Thema, sie setzt sich auch aktiv für Pressefreiheit ein. Sie war über viele Jahre im Vorstand der deutschen Sektion von Reporter ohne Grenzen aktiv – einer Organisation, die weltweit Journalistinnen und Journalisten unterstützt, die bedroht, zensiert oder verfolgt werden.
Ein Schwerpunkt ihrer Arbeit ist der Schutz russischer Journalistinnen und Journalisten, die heute im Exil leben. Viele von ihnen sind nach Lettland, Deutschland oder auch nach Österreich geflohen, weil unabhängige Medien in Russland kaum mehr existieren.
Für Leserinnen und Leser in Österreich ist das ein wichtiger Punkt: Auch hier im Land gibt es immer mehr Medien aus dem Exil – russische, ukrainische, belarussische Redaktionen, die von Wien oder anderen europäischen Städten aus senden und publizieren. Wenn Gloger über sie schreibt, geht es auch um unsere Medienlandschaft.
Aktuelle Auftritte und Diskussionen
Katja Gloger ist nicht nur als Autorin präsent, sondern auch regelmäßig bei Podiumsdiskussionen, Lesungen und politischen Gesprächen zu Gast. So moderiert sie etwa Veranstaltungen rund um russische Oppositionelle und Aktivistinnen, wie zuletzt eine Buchpräsentation mit einer bekannten Pussy-Riot-Aktivistin in Berlin.
Solche Auftritte zeigen, wie sehr sie sich weiterhin mit den Entwicklungen in Russland und Osteuropa auseinandersetzt – nicht nur aus historischer Distanz, sondern mitten in der aktuellen Debatte.
Wer sich für Termine, Bücher oder Hintergründe interessiert, findet Informationen auf den Seiten ihrer Verlage, zum Beispiel bei Ullstein oder Piper.
Warum sich ihre Bücher für Leser in Österreich lohnen
Vielleicht fragst du dich: „Noch ein Buch über Putin – brauche ich das wirklich?“ Verständlich. Die Nachrichtenlage ist dicht, und das Thema wirkt oft erdrückend. Aber genau deshalb lohnt sich ein Blick in Glogers Bücher – gerade, wenn man in Österreich lebt.
Drei Gründe:
- Sie erklärt komplizierte Zusammenhänge verständlich
Ob Geopolitik, Geheimdienstberichte oder Energiepolitik – sie schreibt so, dass man ohne Spezialwissen folgen kann. - Sie verbindet Geschichte und Gegenwart
Wer die lange Geschichte von Deutschland und Russland versteht, versteht auch besser, warum Europa heute so reagiert, wie es reagiert. - Sie hilft, eigene Illusionen zu erkennen
Viele Argumente, die in Wiener Stammtischrunden fallen, entlarvt sie als alte Mythen oder Wunschdenken.
Wie du Katja Gloger lesen kannst – ein kleiner Einstieg
Wenn du dich für Russland, Putin und Europa interessierst, aber nicht genau weißt, wo du anfangen sollst, hier ein möglicher Weg:
- Schritt 1: Aktuelles Thema – „Das Versagen“
Für alle, die verstehen wollen, wie wir in Europa in diese Lage geraten sind. Ideal, wenn du schon Nachrichten verfolgst, aber mehr Hintergrund möchtest. - Schritt 2: Blick ins System – „Putins Welt“
Wenn dich vor allem die Machtstruktur in Russland interessiert: Wie funktioniert der Kreml? Wer hat wirklich das Sagen? Wie denkt Putin? - Schritt 3: Langfristige Perspektive – „Fremde Freunde“
Für alle, die tiefer einsteigen wollen – mit viel Geschichte, vielen Beispielen und einem breiten Blick auf die deutsch-russischen Beziehungen.
Viele dieser Bücher sind als E-Book, Taschenbuch oder Hardcover erhältlich – im österreichischen Buchhandel, online oder auch in gut sortierten Bibliotheken. Ein Einstieg lohnt sich, auch wenn man „nur“ ein Buch liest.
Was wir von Katja Gloger lernen können
Unterm Strich geht es bei Katja Gloger nicht nur um Russland oder Putin. Es geht um etwas Größeres: Wie wir uns als Gesellschaft täuschen lassen, wenn wirtschaftliche Interessen, politische Bequemlichkeit und schöne Illusionen zusammenkommen.
Was kann jede und jeder Einzelne von uns mitnehmen?
- Genau hinsehen – nicht jede schöne Rede glauben, egal ob aus Moskau, Brüssel oder Wien.
- Mehrere Quellen nutzen – nicht nur eine Zeitung lesen oder einen TV-Sender schauen.
- Geschichte ernst nehmen – viele Fehler wiederholen sich, wenn man sie nicht kennt.
- Pressefreiheit verteidigen – ohne freie Medien gibt es keine echte Kontrolle der Macht.
In einer Zeit, in der Kriege wieder mitten in Europa geführt werden, sind Stimmen wie die von Katja Gloger wichtiger denn je. Sie erinnern uns daran, dass Politik nicht nur in Regierungsbüros gemacht wird, sondern auch in unseren Köpfen – mit den Geschichten, an die wir glauben wollen.
Fazit: Eine Stimme, die man in Österreich kennen sollte
Ob du politisch links, rechts oder irgendwo dazwischen stehst: Wenn dich die Zukunft Europas beschäftigt, kommst du an Namen wie Katja Gloger kaum vorbei. Ihre Arbeit hilft zu verstehen, wie Russland tickt, wie Europa reagiert hat – und welche Entscheidungen wir in den nächsten Jahren treffen müssen.
Gerade in Österreich, wo Neutralität, Energieabhängigkeit und die Rolle Russlands immer wieder heiß diskutiert werden, sind ihre Analysen ein wichtiger Beitrag zur Debatte. Sie liefern keine einfachen Antworten – aber sie stellen die richtigen Fragen.
Vielleicht ist genau das der beste Grund, sich eines ihrer Bücher zu schnappen, die Nachrichten mit anderen Augen zu lesen – und beim nächsten Gespräch im Kaffeehaus etwas tiefer einzusteigen als nur mit dem Satz: „Die Politik da oben wird es schon richten.“





































