Johanna Rachinger muss gehen – was ihr Rückzug für Österreich bedeutet
Eine Ära an der Österreichischen Nationalbibliothek geht zu Ende
Am 27. November 2025 wurde offiziell, was viele schon befürchtet hatten: Johanna Rachinger kehrt nicht mehr auf ihren Posten als Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek (ÖNB) zurück. Kulturminister Andreas Babler hat sie – auf Antrag des Kuratoriums – aus gesundheitlichen Gründen abberufen. Die Folgen eines schweren Sturzes im August lassen eine Rückkehr in absehbarer Zeit nicht zu.
Für Österreichs Kulturlandschaft ist das ein Einschnitt. Immerhin stand Rachinger rund 25 Jahre an der Spitze der wichtigsten Bibliothek des Landes und hat das Haus wie kaum jemand vor ihr geprägt.
Wer ist Johanna Rachinger eigentlich?
Johanna Rachinger wurde 1960 im oberösterreichischen Putzleinsdorf geboren und hat in Wien Theaterwissenschaft und Germanistik studiert. Nach Stationen im Verlagswesen – unter anderem als Geschäftsführerin beim Ueberreuter Verlag – wurde sie 2001 zur Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek bestellt.
Seit Mitte 2001 führte sie die ÖNB – und blieb: Ihr Vertrag wurde mehrfach verlängert, zuletzt ab 1. Jänner 2022 für weitere fünf Jahre. Damit wäre ihre reguläre Funktionsperiode eigentlich erst mit Ende 2026 ausgelaufen.
Von der verstaubten Amtsstube zum modernen Kulturtempel
Wer schon länger in Wien lebt, erinnert sich vielleicht: Früher hatte die Österreichische Nationalbibliothek für viele etwas von „verbotener Zone“. Ein ehrwürdiger Ort, ja – aber irgendwie auch ein bisschen einschüchternd.
Unter Johanna Rachinger hat sich das deutlich geändert. Laut Berichten wurden die Besucherzahlen massiv gesteigert, neue Ausstellungsflächen eröffnet und die Bibliothek Schritt für Schritt zu einem offenen, publikumsnahen Haus umgebaut. Sie ließ den Prunksaal stärker touristisch nutzen, baute Service und Öffnungszeiten aus und setzte auf moderne Vermittlung, vom Literaturmuseum bis zu großen Themenausstellungen.
Digitalisierung, KI und neue Wege in die Zukunft
Besonders stark war Rachinger dort, wo es um Zukunftsfragen ging. Während anderswo noch über „diese Digitalisierung“ diskutiert wurde, war die ÖNB unter ihrer Führung schon mittendrin:
- Digitalisierung historischer Bestände – Millionen Seiten alter Zeitungen, Bücher und Dokumente wurden eingescannt und online zugänglich gemacht.
- Online-Recherche – Was früher nur vor Ort in Katalogkästen möglich war, ging plötzlich mit wenigen Klicks von zu Hause.
- Neue digitale Services – E-Resources, Datenbanken, digitale Lesesäle.
Zuletzt startete sie sogar ein eigenes Maßnahmenpaket zur Künstlichen Intelligenz (KI). Darin geht es etwa um KI-gestützte Katalogisierung oder die automatische Analyse großer Bildbestände. Damit wollte sie die ÖNB fit machen für eine Welt, in der Nutzerinnen und Nutzer erwarten, dass sie Informationen in Sekunden finden.
Wenn man so will: Während viele noch über Chatbots reden, hat Rachinger versucht, die Bibliothek hinter den Kulissen mit genau solchen Technologien aufzurüsten.
Der Unfall, der alles veränderte
Im August 2025 passierte dann das, womit niemand gerechnet hatte: Johanna Rachinger erlitt bei einem Sturz eine schwere Verletzung. In einer Presseaussendung gab die ÖNB bekannt, dass sie sich in längerer ärztlicher Behandlung befindet und ihre Funktion vorerst nicht ausüben kann. Die Geschäfte übernahmen der wirtschaftliche Geschäftsführer Richard Starkel und – auf wissenschaftlicher Seite – ihre Stellvertreterin Michaela Mayr.
Damals klang noch vieles nach Übergang. Man rechnete offenbar damit, dass sie irgendwann zurückkehren würde.
Nun ist klar: Das wird nicht passieren.
Laut aktuellen Meldungen haben sich die gesundheitlichen Folgen des Sturzes als so schwerwiegend erwiesen, dass eine Rückkehr in die Funktion nicht mehr möglich ist. Vizekanzler und Kulturminister Andreas Babler hat sie daher – einvernehmlich mit dem Kuratorium – mit Beschluss vom 25. November 2025 als Generaldirektorin abberufen.
Was bedeutet das für die Österreichische Nationalbibliothek?
Die wichtigsten Punkte im Überblick:
- Die Funktionsperiode endet vorzeitig – Eigentlich hätte Rachinger erst mit 31. Dezember 2026 in Pension gehen sollen. Jetzt scheidet sie Ende 2025 aus gesundheitlichen Gründen aus.
- Die Nachfolge-Suche läuft – Die Ausschreibung für die neue Generaldirektion wurde bereits im November 2025 veröffentlicht.
- Interimslösung bleibt vorerst – Bis zur Neubesetzung führt weiterhin das bestehende Team: wirtschaftlicher Geschäftsführer Richard Starkel, seine Stellvertreter und die bisherige Stellvertreterin der wissenschaftlichen Geschäftsführung, Michaela Mayr.
Für das Haus bedeutet das: Der Alltag geht weiter, die Projekte laufen – aber im Hintergrund wird intensiv nach einer neuen Persönlichkeit für die Spitze gesucht.
Wer könnte in ihre Fußstapfen treten?
Offiziell gibt es dazu noch keine Namen. Klar ist aber: Die Anforderungen sind hoch. Wer die ÖNB künftig leitet, muss mehrere Rollen zugleich ausfüllen:
- Kulturmanagerin oder Kulturmanager – mit Blick für Ausstellungen, Publikum und internationale Zusammenarbeit.
- Digital-Stratege – denn ohne digitale Angebote ist eine Nationalbibliothek heute kaum denkbar.
- Verwaltungsprofi – es geht um große Budgets, Personal, Bauprojekte und Verhandlungen mit der Politik.
In der Vergangenheit haben sich auf solche Posten meist mehrere hochqualifizierte Kandidatinnen und Kandidaten aus dem In- und Ausland beworben – das ist auch diesmal zu erwarten.
Warum Johanna Rachinger für viele mehr ist als „nur“ eine Direktorin
In vielen Porträts wird Rachinger als „eine der bedeutendsten Kulturmanagerinnen des Landes“ bezeichnet. Kulturminister Babler hebt ihr „äußerst erfolgreiches Engagement“ hervor und betont, wie stark sie die ÖNB zu einem modernen Informations- und Bildungszentrum gemacht hat.
Dazu kommt noch ein anderer Aspekt: Sie gilt als klare Stimme, wenn es um Frauen in Führungspositionen geht. In früheren Interviews bezeichnete sie sich offen als Feministin und setzte sich für bessere Rahmenbedingungen ein, damit Frauen in Kulturberufen Karriere machen können.
Ein Haus, das vielen persönlich etwas bedeutet
Vielleicht geht es Ihnen ähnlich: Viele Menschen in Österreich verbinden mit der Österreichischen Nationalbibliothek ganz persönliche Erinnerungen.
Da ist zum Beispiel:
- die erste Seminararbeit im Studium, für die man stundenlang im Lesesaal gesessen ist,
- der Ausflug mit der Schule in den Prunksaal, bei dem alle nur „Wow“ gesagt haben,
- oder der Sonntagsbesuch im Literaturmuseum, bei dem man plötzlich Lust bekam, wieder mehr zu lesen.
All diese Erlebnisse haben auch mit der Linie von Johanna Rachinger zu tun: Die Bibliothek sollte kein Elfenbeinturm sein, sondern ein Ort, an dem sich möglichst viele Menschen willkommen fühlen.
Was heißt das alles für die Leserinnen und Leser?
Die praktische Frage, die sich viele stellen: Spürt man als normale Besucherin oder normaler Besucher die Veränderung?
Kurzfristig wahrscheinlich kaum. Die Lesesäle bleiben geöffnet, die Ausstellungen laufen weiter, die digitalen Angebote sind nach wie vor da. Das bestehende Führungsteam ist erfahren und kennt das Haus in- und auswendig.
Langfristig allerdings hängt viel davon ab, welche Person nachfolgt und welche Schwerpunkte sie setzt. Wird noch stärker auf KI und Digitalisierung gesetzt? Kommen neue Museen oder große Bauprojekte? Oder liegt der Fokus eher auf Bewahrung und wissenschaftlicher Forschung?
Warum das auch für Menschen wichtig ist, die nie in die ÖNB gehen
Man könnte sich fragen: „Was habe ich mit der Nationalbibliothek zu tun, wenn ich meine Bücher eh online bestelle?“
Die Antwort ist: mehr, als man denkt.
Eine Nationalbibliothek ist so etwas wie das Gedächtnis eines Landes.
Sie sammelt:
- alle in Österreich veröffentlichten Bücher,
- viele Zeitungen und Zeitschriften,
- Plakate, Fotos, Nachlässe von Autorinnen und Autoren,
- alte Handschriften und Karten,
- und immer mehr auch Websites und digitale Inhalte.
Kurz gesagt: Was heute im Internet oder auf Papier erscheint, kann morgen schon historische Quelle sein. Wer diese Quellen sammelt, bewahrt und zugänglich macht, entscheidet mit, wie wir uns als Gesellschaft später einmal erinnern.
Ein persönlicher Blick: Warum diese Nachricht berührt
Auch wenn man Johanna Rachinger nie persönlich getroffen hat, bleibt bei dieser Nachricht ein seltsames Gefühl zurück.
Da ist eine Frau, die über Jahrzehnte ein großes Haus geprägt, es erneuert und nach außen geöffnet hat. Sie hat gegen das Image der „staubigen Bibliothek“ angekämpft und gezeigt, dass so eine Institution modern, lebendig und offen sein kann.
Und dann ist da ein Unfall, ein Sturz – etwas, das jedem von uns passieren könnte. Plötzlich ist alles anders, Pläne über Jahrzehnte werden innerhalb weniger Monate über den Haufen geworfen.
Vielleicht liegt genau darin die menschliche Seite dieser Geschichte: Hinter jeder großen Institution stehen Menschen mit ihren Stärken, Visionen, aber auch mit ihrer Verletzlichkeit.
Wie geht es jetzt weiter?
Die nächsten Monate werden für die Österreichische Nationalbibliothek spannend – und entscheidend. Was ist zu erwarten?
- Auswahlverfahren – Eine Kommission wird Bewerbungen prüfen und Vorschläge machen. Am Ende entscheidet die Politik.
- Signalwirkung – Wer bestellt wird, sendet ein starkes Zeichen: in Richtung Digitalisierung, kulturelle Öffnung, Wissenschaft – oder all das zusammen.
- Fortsetzung oder Kurswechsel – Viele Projekte, die unter Rachinger begonnen wurden, müssen nun weitergeführt oder neu ausgerichtet werden.
Für die österreichische Kulturszene ist klar: Die Nachfolge auf diesem Posten ist keine Detailfrage, sondern eine Entscheidung mit Signalwirkung weit über Wien hinaus.
Ein Dank zum Schluss
Auch wenn Boulevard-Schlagzeilen oft laut sind, darf es am Ende auch leise werden.
Egal, wie man zu bestimmten Entscheidungen der ÖNB stand: Wer in den letzten 20 Jahren in den Prunksaal gegangen ist, wer im Literaturmuseum war oder online alte Zeitungen durchstöbert hat, hat ein Stück von dem erlebt, wofür Johanna Rachinger stand.
Man muss nicht Bibliotheksprofi sein, um anzuerkennen: Sie hat ein Haus geöffnet, modernisiert und vielen Menschen einen neuen Zugang zu Wissen und Geschichte ermöglicht.
Bleibt zu hoffen, dass ihr Werk gut weitergeführt wird – und dass ihre eigene Gesundheit sich bestmöglich stabilisiert.




































