RAF in Österreich: Vom Terror der 70er bis zur TV-Doku heute
Wenn wir in Österreich von der RAF sprechen, meinen wir meistens nicht die britische Luftwaffe, sondern die Rote Armee Fraktion – jene linksextreme Terrorgruppe aus Deutschland, die in den 1970er- und 1980er-Jahren auch bei uns Spuren hinterlassen hat. ORF 2 erinnert daran mit der Doku „Im Schatten der RAF. Linker Terror in Österreich“, die am 3. Dezember 2025 am späten Abend läuft.
Was steckt hinter dieser Geschichte? Und warum beschäftigt uns das Thema RAF in Österreich noch immer? Schauen wir uns das in Ruhe an.
Wer oder was war die RAF überhaupt?
Die Rote Armee Fraktion war eine linksextreme Terrororganisation in der Bundesrepublik Deutschland. Sie entstand Ende der 1960er-Jahre in einem aufgeheizten politischen Klima: Studentenproteste, Vietnamkrieg, Autoritätskritik – vieles brach damals auf.
Die RAF glaubte, mit Gewalt einen „revolutionären“ Wandel herbeiführen zu können. Das Ergebnis waren:
- Bombenanschläge
- Banküberfälle
- Entführungen
- Ermordungen von Politikern, Managern und Beamten
In Deutschland wurde der Höhepunkt des Terrors als „Deutscher Herbst 1977“ bekannt. Damals stand die Bundesrepublik zeitweise knapp vor dem Ausnahmezustand.
Und was hat Österreich mit der RAF zu tun?
Auf den ersten Blick könnte man meinen: gar nicht so viel. Doch genau da irrt man sich. Die neue ORF-Doku „Im Schatten der RAF. Linker Terror in Österreich“ zeigt: Unsere Alpenrepublik war keineswegs eine „Insel der Seligen“.
Der spektakuläre Banküberfall in Wien
Im Jahr 1976 geriet Österreich erstmals direkt in den Sog des deutschen Terrorismus: Drei Mitglieder der RAF überfielen in der Wiener Innenstadt eine Bank. Es ging nicht nur ums Geld, sondern um die Finanzierung des bewaffneten Kampfes.
Eine der Beteiligten, Waltraud Boock, wurde festgenommen – und damit zur ersten RAF-Terroristin in einem österreichischen Gefängnis. Rund um sie bildete sich damals sogar ein Solidaritätskomitee, die „Arbeitsgemeinschaft politische Gefangene“ (APG). Für manche war sie politische Kämpferin, für andere schlicht eine gefährliche Terroristin.
Die Entführung des Textil-Königs Palmers
Noch näher an den Alltag der Österreicher rückte der linke Terror im Jahr 1977. Damals wurde einer der reichsten Männer des Landes entführt: Walter Palmers, Chef des bekannten Textilunternehmens Palmers.
Die Entführung hatte internationale Verbindungen in die linksextreme Szene. In der ORF-Doku kommen unter anderem zu Wort:
- Gabriele Rollnik, damals Mitglied der Berliner Gruppe „Bewegung 2. Juni“
- Ex-Innenminister Karl Blecha
- Der ehemalige Nationalratsabgeordnete Peter Pilz
- Die Musikerin Beatrix Neundlinger (bekannt von den „Schmetterlingen“)
Die Entführung sorgte für Angst, aber auch für heftige politische Debatten: Wie weit darf der Staat gehen, um Geiseln zu retten? Wie verhindert man Nachahmer? Fragen, die uns auch bei heutigen Terrorfällen immer wieder begegnen.
Warum kommt die RAF-Doku gerade jetzt auf ORF 2?
Fast 50 Jahre sind seit diesen Ereignissen vergangen. Trotzdem beschäftigt uns der linke Terror der 1970er- und 1980er-Jahre nach wie vor. Warum?
- Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich. Politische Gewalt, radikale Gruppen, Polarisierung – all das gibt es auch heute, nur in anderer Form.
- Wir leben wieder in einer unsicheren Welt. Kriege, Terror, extremistische Anschläge – Sicherheit ist kein Selbstläufer.
- Die Zeitzeugen werden älter. Wenn sie jetzt nicht erzählen, gehen wichtige Erinnerungen verloren.
Die ORF-Reihe „Menschen & Mächte“ greift genau solche historischen Themen auf und verbindet sie mit der Gegenwart. Die Folge „Im Schatten der RAF. Linker Terror in Österreich“ will nicht nur nacherzählen, sondern auch einordnen: Was hat dieses Jahrzehnt des Terrors mit unserer heutigen politischen Kultur gemacht?
Wie war das politische Klima in Österreich damals?
Die 1970er-Jahre waren nicht nur die Zeit der Schlaghosen und ersten Discotheken. Es war auch eine Epoche, in der viele Menschen das Gefühl hatten: „So wie bisher kann es nicht weitergehen.“
Hier ein paar Stichworte, die das Klima beschreiben:
- Kalter Krieg – Ost gegen West, Atomwaffen, Blockkonfrontation
- Studentenbewegung – Proteste gegen Autoritäten, gegen den Vietnamkrieg
- Aufarbeitung der NS-Zeit – langsam, oft schmerzhaft und unvollständig
- Wirtschaftliche Umbrüche – Ölkrisen, neue Unsicherheiten
In dieser Mischung radikalisierten sich vor allem kleine Gruppen junger Leute. Sie wollten alles – und zwar sofort. Demokratie ging ihnen zu langsam, Kompromisse galten als Verrat. Das Ergebnis sah man in Anschlägen und Entführungen.
Kommt Ihnen das bekannt vor? Auch heute hören wir wieder laute Stimmen, die behaupten, Demokratie sei „zu träge“ und „bringe nichts“. Genau deshalb lohnt sich der Blick zurück.
RAF und Österreich: Mehr als eine Fußnote der Geschichte
Man könnte sagen: Österreich war für die RAF nur ein Nebenschauplatz. Doch für die Menschen, die hier betroffen waren – Opfer, Angehörige, Polizisten, Politiker – war das alles andere als nebensächlich.
Warum das für uns heute wichtig ist
Was lernen wir aus der RAF-Geschichte in Österreich?
- Radikalisierung beginnt im Kopf. Bevor jemand zur Waffe greift, kommt ein langer Prozess: Frust, Idealisierung von Gewalt, Echokammern unter Gleichgesinnten.
- Staatliche Reaktion ist heikel. Zu hart – und man stärkt das Märtyrer-Image der Täter. Zu weich – und man wirkt schwach und ermutigt Nachahmer.
- Medien spielen eine große Rolle. Berichten sie zu sensationsgierig, erfüllen sie die Propaganda-Ziele der Terrorgruppen. Schweigen sie zu viel, bleiben wichtige Debatten aus.
Die ORF-Doku zeigt, wie diese Fragen damals diskutiert wurden – und was sich seither geändert hat.
Persönlicher Blick: Wie redet man mit der nächsten Generation darüber?
Vielleicht fragen Sie sich gerade: „Soll ich mir das wirklich spätabends noch ansehen?“ Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Solche Dokumentationen sind oft Gesprächsanlässe in der Familie.
Vielleicht sitzen Sie mit Ihren Teenagern auf der Couch. Einer scrollt am Handy, die andere schaut halb hin. Und dann kommt die Frage: „Also echt jetzt, warum hat man damals zu Waffen gegriffen, nur wegen Politik?“
Genau da wird es spannend. Denn dann kann man erklären:
- Was Demokratie eigentlich leistet – und wo ihre Grenzen liegen.
- Warum Gewalt nie eine Lösung ist, auch wenn man sich über vieles ärgert.
- Wie wichtig Diskussion, Kompromiss und freie Medien sind.
Eine Geschichtsdoku über die RAF in Österreich ist damit nicht nur Nostalgie für Zeitzeugen. Sie ist auch ein Stück politische Bildung für alle, die heute aufwachsen.
Wie geht man mit dem Begriff „RAF“ heute um?
Spannend ist auch, dass „RAF“ als Begriff in Österreich heute sehr unterschiedlich verwendet wird. Manche denken sofort an die Rote Armee Fraktion, andere an ganz anderes – etwa an Musik, Kunstnamen oder internationale Begriffe, die mit Österreich gar nichts zu tun haben.
Für die öffentliche Debatte hierzulande bleibt aber vor allem eines wichtig: RAF steht als Mahnung dafür, wie schnell politische Überzeugung in Terror umschlagen kann, wenn Fanatismus und Gewaltbereitschaft dazu kommen.
Tipps: So holt man das Meiste aus der ORF-Doku heraus
Wenn Sie „Im Schatten der RAF. Linker Terror in Österreich“ in ORF 2 oder über ORF ON ansehen, können Sie sich vorab ein paar Fragen überlegen:
- Welche Argumente bringen die damaligen Aktivisten heute? Wirken sie überzeugend – oder eher verstörend?
- Wie schildern Opfer und Ermittler ihre Sicht? Wo widersprechen sich die Erzählungen?
- Was würden wir heute anders machen – in Politik, Polizei, Medien?
So wird aus einem späten TV-Abend mehr als nur passiver Konsum. Es wird ein kleines, persönliches Zeitgeschichts-Seminar – bequem vom Sofa aus.
Fazit: RAF in Österreich – Geschichte, die nachwirkt
Die RAF ist längst verschwunden, viele ihrer Protagonisten sind alt oder verstorben. Doch die Fragen, die ihr Terror aufgeworfen hat, sind aktueller denn je:
- Wie schützt man eine offene Gesellschaft vor Gewalt?
- Wie verhindert man Radikalisierung – links, rechts oder religiös?
- Wie viel Freiheit kann sich ein Staat leisten, ohne die Sicherheit zu gefährden?
Gerade in Österreich, das sich gerne als neutrales, friedliches Land sieht, lohnt es sich, an jene Jahre zu erinnern, in denen auch hier Bomben, Entführungen und bewaffnete Aktionen für Schlagzeilen sorgten.
Die ORF-Doku „Im Schatten der RAF. Linker Terror in Österreich“ ist daher mehr als Fernsehen über „die gute alte Zeit“. Sie ist eine Einladung, darüber nachzudenken, wie wir heute mit Extremismus umgehen – und wie wir verhindern, dass sich Geschichte auf gefährliche Weise „reimt“.
Vielleicht schalten Sie heute Abend einfach einmal ein – und reden danach darüber. Genau so fängt Aufarbeitung an.




































